„Nach Abschluss dieses Kurses können Sie…“

Diesen Satz hat vermutlich jeder schon unzählige Male zu Beginn eines E-Learnings gelesen. Und dennoch frage ich mich immer wieder:

Motiviert dieser Satz eigentlich irgendjemanden?

Versteh‘ mich nicht falsch.

Ich halte Lernziele für unverzichtbar. Ohne klar definierte Lernziele lässt sich kein gutes E-Learning entwickeln. Sie geben Orientierung, helfen bei der Auswahl der Inhalte und bilden die Grundlage für die didaktische Konzeption und Entscheidungen. Genau deshalb werden sie im Designprozess möglichst konkret und messbar formuliert.

Aber genau hier beginnt ein interessantes Problem.

Zwei Zielgruppen – zwei unterschiedliche Aufgaben

Bei der Vorbereitung eines E-Learnings stellen wir uns Fragen wie:

  • Was sollen die Teilnehmenden nach dem Kurs können?
  • Welche Aufgaben müssen sie später bewältigen?
  • Welche Vorkenntnisse bringen sie mit?

Diese Fragen richten sich an uns als Instructional Designer oder E-Learning Autor. Sie helfen dabei, das E-Learning sinnvoll zu gestalten.

Der Lernende hat jedoch eine ganz andere Frage.

Nicht:

„Was soll ich nachher können?“

Sondern:

„Warum sollte ich mich jetzt überhaupt damit beschäftigen?“

Das ist ein entscheidender Unterschied.

Ein kleines Beispiel mit großer Wirkung

In einem Dokument einer E-Learning-Community bin ich auf ein schönes Beispiel gestoßen.

Die klassische Formulierung lautet:

„In dieser Schulung lernen Vertriebsmitarbeiter, wie man eine Zeiterfassungs-App nutzt.“

Die alternative Version beginnt ganz anders:

„Haben Sie sich schon einmal gewünscht, Ihr persönlicher Assistent würde Ihnen die Zeiterfassung abnehmen?“

Beide Sätze beschreiben denselben Inhalt.

Aber sie lösen etwas völlig Unterschiedliches aus.

  • Die erste Variante informiert.
  • Die zweite macht neugierig.

Und genau diese Neugier entscheidet häufig darüber, ob Lernende innerlich einsteigen oder lediglich auf „Weiter“ klicken.

Der Perspektivwechsel

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich: Ein gutes E-Learning braucht eigentlich zwei Lernzielformulierungen.

Die erste Lernzielformulierung

Diese richtet sich an den Instructional Designer bzw. E-Learning Autor. Sie beschreibt möglichst konkret und messbar, welches Verhalten oder welche Handlung am Ende erreicht werden soll.

Damit sorgt sie für Klarheit und Struktur.

Die zweite Lernzielformulierung

Sie richtet sich an den Lernenden. Dabei beantwortet sie nicht die Frage:

„Was wirst Du lernen?“

Sondern:

„Warum lohnt es sich für Dich, das E-Learning zu bearbeiten?“

Und genau diese zweite Frage wird erstaunlich oft vergessen. Aber genau damit erzeugt man Bilder und entwickelt man Geschichten.

Das gilt übrigens nicht nur für E-Learning

Während ich diesen Artikel schreibe, bereite ich gerade Next Generation Learning on Tour vor.

  • Ich trainiere.
  • Plane Etappen.
  • Packe Ausrüstung.

Natürlich könnte ich mein Ziel technisch formulieren:

„Steigerung der Ausdauerleistung bis zum 14. August.“

Das wäre ein korrekt formuliertes Projektziel. Aber ehrlich gesagt motiviert mich das kaum. Mein eigentliches Ziel lautet vielmehr:

„Ich möchte am 14. August so fit sein, um mit dem Fahrrad direkt vor meiner Haustür zu starten und mich auf eine kreative Expedition durch Europa zu begeben.“

Beides beschreibt dieselbe Vorbereitung.

Aber nur eines erzeugt Bilder im Kopf.

Und genau darin liegt der Unterschied.

Eine kleine Änderung mit großer Wirkung

Vielleicht sollten wir deshalb bei jedem E-Learning zwei Fragen stellen.

Zum einen:

„Was sollen die Teilnehmenden lernen?“

Und zusätzlich:

„Warum sollten sie das überhaupt lernen wollen?“

Ich vermute, dass viele E-Learnings allein durch diesen Perspektivwechsel deutlich motivierender würden.

Und genau nach solchen Ideen möchte ich während Next Generation Learning on Tour suchen.

Nicht nach der nächsten spektakulären Technologie.

Sondern nach kleinen Veränderungen, die Lernen menschlicher, motivierender und wirksamer machen.

One response

  1. Lieber Konrad,
    und wieder bringst Du mich zum Nachdenken. Deine Überlegungen lege ich zugrunde, wenn wir in Kürze
    – unsere Beschreibungen zu unseren E-Learnings auf unserem LMS texten
    – unsere anstehenden E-Learnings neu konzipieren und dadurch vertraute Wege verlassen
    – unserer neuen Präsenzschulung.
    Ich bin gespannt, wie die Inhalte sich verändern werden. 🙂
    Beste Grüße, Sylvia

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