Die Tour ist zu Ende, jetzt beginnt die nächste Etappe: NGeL
Nach sechs Wochen im Sattel, sechs Ländern, 2600 Kilometern und 17000 Höhenmetern ist meine Learning on Tour zu Ende.
Das Fahrrad ist wieder zu Hause. Der Anhänger hat die Reise trotz eines kleinen Saltos überlebt. Ich habe Gegenwind, viel Regen, schlechte Radwege, Umleitungen und einige technische Probleme erlebt. Vor allem aber habe ich Menschen getroffen, Gespräche geführt und Situationen erlebt, die immer wieder neue Fragen zum Lernen aufgeworfen haben.
Genau das war die Idee der Tour: Europa sollte zu einem mobilen Lernlabor werden.
Lernen findet nicht nur dort statt, wo „Lernen“ draufsteht
Ein interaktives Römermuseum am Hadrianswall zeigte mir, wie stark Neugier, Aktivität und eigenes Entdecken eine Erfahrung prägen können.
Eine grenzüberschreitende Draisine brachte mich zur Frage, wo E-Learning bei Teamarbeit an seine Grenzen stößt und Blended Learning notwendig wird.
Ein vertrockneter, eigentlich mit großer Bedeutung gepflanzter Baum erinnerte mich daran, dass auch ein E-Learning nicht damit fertig ist, dass das SCORM-Paket auf das LMS hochgeladen wurde. Lernangebote brauchen Pflege.
Gespräche über den Brexit führten zu Fragen über Wissen, Erfahrungen und Entscheidungen.
Empfehlungen für angeblich besonders gute Fahrradstrecken, die sich für mein Gespann als wenig geeignet erwiesen, schärften meinen Blick auf Personalisierung: Was für andere die beste Lösung ist, muss für mich noch lange nicht passen.
Und selbst die letzten, vergleichsweise unspektakulären Kilometer Richtung Cork lieferten einen Impuls. Ich ertappte mich dabei, wie ich auf langweiligeren Abschnitten bewusst links und rechts nach etwas Interessantem suchte. Ein Pferd. Ein verfallenes Haus. Eine ungewöhnliche Landschaft. Kleine Entdeckungen hielten meine Aufmerksamkeit wach.
Und daraus entstand die Frage: Was machen wir eigentlich bei einem Pflicht-E-Learning, wenn der Lernende die Strecke langweilig findet?
Er kann mental aussteigen und in den Durchklickmodus wechseln.
Vielleicht müssen wir deshalb nicht jeden Lerninhalt künstlich spannend machen. Vielleicht müssen wir vielmehr dafür sorgen, dass es immer wieder etwas zu entdecken, zu entscheiden oder zu hinterfragen gibt.
Entdeckungsmodus statt Durchklickmodus.

Aus Beobachtungen entsteht ein Framework
Solche Beobachtungen haben während der Reise einen Gedanken immer stärker werden lassen: Wir sollten E-Learning weniger als digitale Vermittlung von Inhalten und stärker als Gestaltung von Lernerfahrungen betrachten.
Daraus entwickelt sich Next Generation e-Learning – NGeL.
Die zentrale Frage lautet:
Welche Erfahrung muss ein Mensch machen, damit sich sein Denken oder Handeln verändert?
NGeL will Lernen dabei nicht neu erfinden. Das Framework soll etablierte Erkenntnisse aus Lernwissenschaft, Didaktik und Instructional Design mit Experience Design sowie den Möglichkeiten moderner Technologien und künstlicher Intelligenz verbinden.
Zehn Dimensionen bilden derzeit den Gestaltungsrahmen – darunter Erlebnisqualität, narrative Tiefe, Autonomie, Personalisierung, Transfer-Architektur, Micro-Flow und Messbarkeit. Über allem steht die Frage nach der Wirksamkeit:
Was können Menschen nach dem Lernen besser verstehen, entscheiden oder tun?
Theorie trifft Realität
Während der Tour ist die systematische Arbeit an NGeL allerdings zeitweise kürzer gekommen als geplant. Ein umfangreiches Kundenprojekt benötigte deutlich mehr Aufmerksamkeit. Das war vielleicht gar nicht schlecht. Denn parallel zu den Gedanken über NGeL entstand ein reales E-Learning unter realen Bedingungen: mit Lernzielen, unterschiedlichen Zielgruppen, Kundenanforderungen, Abstimmungsschleifen, Zeitvorgaben und technischen Rahmenbedingungen.
Genau dort muss sich ein Framework wie NGeL später bewähren. Nicht nur im Positionspapier. Nicht nur im Learning Lab.
Sondern im Projektalltag.
Wie geht es weiter?
Mit dem Ende der Reise beginnt deshalb die nächste Phase.
Die Beobachtungen der Learning on Tour werden systematisch ausgewertet und mit den bisherigen NGeL-Gedanken verbunden. Das Framework wird weiter wissenschaftlich fundiert und konkretisiert. Anschließend soll es an bestehenden und neuen Lernangeboten erprobt werden.
Parallel dazu entstehen Beiträge zu den einzelnen Bestandteilen des Frameworks. Und zwei bereits konzipierte Learning Nuggets sollen erste kleine Demonstratoren dafür werden, wie NGeL praktisch aussehen kann. Aus der Fahrradtour wird damit zunehmend eine Entwicklungsreise.
Eine Erkenntnis nehme ich dafür besonders mit:
Die geplante Route ist das Konzept. Der tatsächliche Radweg ist die Realität. Kompetenz zeigt sich dort, wo beides nicht mehr zusammenpasst.
Das gilt für eine Fahrradtour. Und mindestens genauso sehr für Learning Design.
Die Learning on Tour ist beendet. Das Lernlabor bleibt geöffnet.


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