Wenn Aufkleber Gespräche auslösen –
was E-Learning davon lernen kann

Auf meinem Fahrradanhänger sammeln sich langsam die Aufkleber der Länder, durch die früher gekommen bin und die durch die ich jetzt kommen. Eigentlich sind sie nur eine kleine Dokumentation meiner Reise. Doch inzwischen stelle ich fest: Sie können noch etwas anderes ziemlich gut.

Sie bringen Menschen miteinander ins Gespräch.

Zwei Beispiele:

Am Samstag hielt in meiner Nähe ein Bus mit einer niederländischen Reisegruppe. Einige der Reisenden sahen meinen Anhänger – und schon kam die Frage: „Bist Du Holländer?“ Der Grund war schnell gefunden: Auf meinem Anhänger klebt ein NL-Aufkleber.

Hier in Irland erlebe ich die umgekehrte Situation. Immer wieder werde ich gefragt, wo denn eigentlich der irische Aufkleber sei. Den habe ich tatsächlich noch nicht. Das muss ich ändern.

Aber viel interessanter finde ich etwas anderes: Die Aufkleber funktionieren als Kommunikationsanlässe.

Sie erklären nichts. Sie enthalten keine ausführlichen Informationen. Sie fordern niemanden ausdrücklich dazu auf, mit mir zu sprechen. Sie erzeugen lediglich einen kleinen Reiz. Menschen entdecken etwas, stellen einen Bezug zu sich selbst her, werden neugierig – und beginnen ein Gespräch.

Was wäre, wenn wir E-Learnings genauso verstehen würden?

E-Learning muss nicht nur Informationen vermitteln

Wenn wir E-Learnings konzipieren, beschäftigen wir uns intensiv mit Inhalten, Lernzielen, Interaktionen, Medien und Lernerfolgskontrollen.

Alles richtig und wichtig.

Aber vielleicht sollten wir noch eine weitere Frage stellen:

Welche Kommunikation wollen wir mit unserem E-Learning auslösen?

Denn Lernen ist nicht zwangsläufig ein stiller Prozess zwischen einem Menschen und einem Bildschirm.

Im Gegenteil: Gerade dort, wo Menschen diskutieren, Fragen stellen, Erfahrungen austauschen, Positionen vergleichen und gemeinsam nach Lösungen suchen, kann Lernen besonders interessant werden.

Ein E-Learning kann solche Kommunikationsprozesse unterstützen. Dabei sehe ich mindestens drei unterschiedliche Ebenen.

Ebene 1: Kommunikation mit dem E-Learning

Die einfachste Form findet direkt im Lernmedium statt. Allerdings meine ich damit nicht die klassische Aufforderung:

„Klicken Sie auf die drei Symbole, um mehr zu erfahren.“

Das ist Bedienung, aber noch lange kein Dialog.

Interessanter wird es, wenn das E-Learning auf Entscheidungen der Lernenden reagiert.

  • Was würden Sie in dieser Situation tun?
  • Wie schätzen Sie einen konkreten Fall ein?
  • Welche Lösung würden Sie einem Kunden empfehlen?
  • Was spricht aus Ihrer Sicht für oder gegen eine bestimmte Vorgehensweise?

Die Lernenden geben etwas von sich preis: ihre Einschätzung, ihre Entscheidung, vielleicht auch ihren Irrtum. Das E-Learning reagiert darauf und konfrontiert sie mit Konsequenzen, Alternativen oder neuen Informationen.

Es entsteht zumindest eine didaktisch inszenierte Form des Dialogs.

Ebene 2: Kommunikation mit einer KI

Durch generative KI kommt eine neue Qualität hinzu. Ein KI-Chatbot innerhalb oder im Umfeld eines E-Learnings kann tatsächlich auf individuelle Fragen reagieren.

  • „Das habe ich noch nicht verstanden.“
  • „Erkläre mir das bitte an einem Beispiel aus meinem Arbeitsbereich.“
  • „Was wäre, wenn der Kunde anders reagiert?“
  • „Ich sehe das anders. Was spricht gegen meine Position?“

Damit verändert sich die Rolle des digitalen Lernmediums. Aus einer weitgehend vorproduzierten Abfolge von Inhalten kann ein Lernraum entstehen, in dem individuelle Dialoge möglich werden. Das eröffnet enorme Möglichkeiten – vorausgesetzt, die KI wird nicht einfach als technisches Extra eingebaut, sondern erhält eine klare didaktische Funktion.

Sie kann erklären, nachfragen, herausfordern, Perspektiven wechseln, Fälle variieren oder Reflexion anregen.

Und trotzdem bleiben wir zunächst noch in der digitalen Lernumgebung.

Ebene 3: Kommunikation mit anderen Menschen

Die dritte Ebene finde ich besonders spannend.

Was passiert, wenn das E-Learning selbst zum Anlass für Gespräche außerhalb des E-Learnings wird?

Ein Lernender könnte beispielsweise aufgefordert werden:

  • „Fragen Sie einen Kollegen, wie er mit dieser Situation umgeht.“

Oder:

  • „Besprechen Sie mit Ihrer Führungskraft, welche der drei Vorgehensweisen in Ihrem Team sinnvoll wäre.“

Oder das E-Learning präsentiert eine bewusst kontroverse These, über die anschließend im Team diskutiert wird. Damit überschreitet das Lernen die Grenze des Lernmediums.

Der Bildschirm ist nicht mehr der Ort, an dem Lernen vollständig stattfinden soll. Er wird zum Ausgangspunkt für Lernen in der realen Welt. Dafür braucht es dafür manchmal gar keinen expliziten Arbeitsauftrag. Ein guter Impuls kann bereits genügen. So wie ein kleiner NL-Aufkleber auf einem Fahrradanhänger.

Von der Interaktion zur Kommunikation

Im E-Learning sprechen wir sehr viel über Interaktivität.

Aber Interaktivität und Kommunikation sind nicht dasselbe.

Ein Button kann interaktiv sein. Eine Multiple-Choice-Frage ebenfalls. Auch eine Drag-and-drop-Aufgabe erfüllt formal das Kriterium der Interaktivität.

Die entscheidendere Frage könnte jedoch lauten:

  • Entsteht daraus ein gedanklicher oder tatsächlicher Dialog?
  • Bringt die Aktivität jemanden dazu, eine Position einzunehmen?
  • Eine Frage zu formulieren?
  • Eine eigene Erfahrung einzubringen?
  • Jemand anderem zu widersprechen?
  • Einen Kollegen um Rat zu fragen?
  • Mit der Führungskraft über die eigene Praxis zu sprechen?

Dann wird aus technischer Interaktivität ein Lernanlass – und möglicherweise ein Kommunikationsanlass.

E-Learning als Impulsgeber

Für mich steckt darin ein wichtiger Gedanke für Next Generation Learning. Wir sollten E-Learning nicht als abgeschlossenes System betrachten, das möglichst alles selbst leisten muss. Ein E-Learning kann vielmehr Teil eines größeren Lernökosystems sein.

  • Es vermittelt Wissen.
  • Es stellt Fragen.
  • Es ermöglicht Dialog mit KI.
  • Es provoziert Widerspruch.
  • Es regt Reflexion an.
  • Und es schickt die Lernenden wieder hinaus in ihre reale Arbeits- und Lebenswelt, um dort mit anderen Menschen weiterzulernen.

Wir sollten deshalb bei der Konzeption eines E-Learnings künftig nicht nur fragen:

Was sollen die Lernenden nach diesem E-Learning wissen und können?

Sondern zusätzlich:

Welche Fragen sollen sie anschließend stellen?

Mit wem sollen sie darüber sprechen?

Und vor allem:

Welche Gespräche möchten wir mit diesem E-Learning auslösen?

Mein Fahrradanhänger schafft das inzwischen erstaunlich zuverlässig.

Jetzt muss ich nur noch einen irischen Aufkleber finden.

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