88 Kilometer, 263 Höhenmeter:
Warum Lernen Erfahrung braucht –
und E-Learning Pflege

Von Kaarst nach Kleve-Rindern

Am Morgen meiner zweiten Etappe von Next Generation Learning on Tour nahm ich das Smartphone bewusst nicht mir in den Frühstücksraum. Kein schneller Blick auf Nachrichten, E-Mails oder LinkedIn. Stattdessen: frühstücken und beobachten.

Und tatsächlich verändert sich etwas, wenn der kleine Bildschirm nicht permanent um Aufmerksamkeit konkurriert.

Im Frühstücksraum waren zahlreiche südkoreanische Gäste. Ich beobachtete, wie einige von ihnen das Buffet erkundeten. Bei manchen Lebensmitteln schien nicht ganz klar zu sein, worum es sich handelte oder wie man sie üblicherweise verwendet. Besonders aufgefallen ist mir das bei den verschiedenen Körnern.

Für uns ist vieles davon selbstverständlich. Wir müssen nicht darüber nachdenken. Wir haben irgendwann gelernt, was man womit kombiniert, was man wie isst und was uns schmeckt.

Aber wie haben wir das eigentlich gelernt?

Vermutlich nur zu einem kleinen Teil dadurch, dass es uns jemand erklärt hat.

Wissen ist noch keine Erfahrung

Natürlich könnte man einem Gast erklären, um welche Körner es sich handelt. Man könnte die Namen übersetzen, die Herkunft beschreiben und erläutern, womit sie normalerweise gegessen werden.

Danach hätte der Gast mehr Wissen.

Aber hätte er damit schon dieselbe Erfahrung wie jemand, für den diese Lebensmittel seit Jahrzehnten zum Alltag gehören? Wohl kaum.

Das ist zunächst eine klassische Fragestellung interkulturellen Lernens. Wer eine andere Kultur verstehen möchte, braucht Informationen über diese Kultur. Aber Informationen allein reichen nicht. Man muss Situationen erleben, beobachten, ausprobieren, Irritationen erfahren und nach und nach einen eigenen Erfahrungsschatz entwickeln.

Doch eigentlich gilt das weit über interkulturelles Lernen hinaus. Auch in der beruflichen Weiterbildung tun wir manchmal so, als könnten wir Erfahrung durch Information ersetzen.

  • Wir erklären einen Prozess.
  • Wir präsentieren fünf Regeln für ein gutes Kundengespräch.
  • Wir zeigen die Merkmale guter Führung.
  • Wir erläutern, wie man in einer bestimmten Situation entscheiden sollte.
  • Und anschließend stellen wir drei Multiple-Choice-Fragen und erklären das Lernziel für erreicht.

Das kann funktionieren, wenn es tatsächlich nur um Wissen geht. Sobald Menschen dieses Wissen jedoch in komplexen Situationen anwenden sollen, brauchen sie mehr. Sie müssen entscheiden, ausprobieren, Fehler machen, Rückmeldungen bekommen, Alternativen vergleichen und Konsequenzen erleben.

Gutes E-Learning sollte deshalb nicht nur Wissen vermitteln.
Es sollte Erfahrungen ermöglichen.

Natürlich ist eine simulierte Erfahrung nicht dasselbe wie eine reale Erfahrung. Aber Szenarien, Entscheidungen, Simulationen, Fallbeispiele oder realitätsnahe Challenges können Lernende zumindest näher an die Anwendung heranführen als die nächste Informationsfolie.

Ein Frühstück ohne Smartphone kann offenbar ziemlich weit führen.

Dann kam der Gegenwind

Nach dem Frühstück begann der weniger philosophische Teil des Tages. Fahrrad fahren.

Die zweite Etappe war vor allem durch eines geprägt: Gegenwind. Und zwar nicht durch die freundliche Variante, die einen gelegentlich daran erinnert, dass Luft existiert. Sondern durch dauerhaften, kräftigen Gegenwind.

Kurz vor dem Ziel in Kleve/Rindern kam schließlich noch Regen dazu. Damit war dann auch die Frage beantwortet, ob bei der großen Trockenheit die Regenausrüstung auf dieser Tour tatsächlich benötigt wird. Diesmal hatte ich noch Glück und erreichte mein Ziel, bevor es heftiger regnete. Ich erreichte meine Unterkunft nass, aber immerhin am Ziel.

Und dort wartete bereits die zweite didaktische Beobachtung dieses Tages.

Der Baum, der eigentlich ein
Zeichen sein soll

Meine Unterkunft war ein Seminarzentrum – ein sehr schönes Gebäude in einer ebenso schönen Anlage. Auf dem Gelände fiel mir ein frisch gepflanzter Baum auf. Er war Missbrauchsopfern des Bistums Münster gewidmet. Ein wichtiges Symbol.

Doch beim näheren Hinsehen irritierte mich etwas: Der junge Baum war stark vertrocknet. Offenbar hatte es ihm in den vergangenen trockenen Wochen an Wasser und Pflege gefehlt. Gerade bei einem Baum mit dieser symbolischen Bedeutung wirkt das besonders unglücklich.

Und gleichzeitig musste ich an E-Learning denken.

Mit dem Upload ist es nicht getan

Wir investieren viel Energie in die Entwicklung neuer E-Learnings. Es wird ein Projekt definiert. Lernziele werden definiert. Inhalte werden erstellt. Medien produziert. Sprechertexte aufgenommen. Interaktionen entwickelt. Alles wird getestet. Irgendwann kommt der große Moment:

Das SCORM-Paket wird auf die Lernplattform hochgeladen.

Fertig.

Wirklich?

Ein E-Learning ist kein Produkt, das nach der Veröffentlichung für alle Zeiten unverändert funktionieren wird. Produkte verändern sich. Prozesse werden angepasst. Softwareoberflächen sehen plötzlich anders aus. Gesetze und Regelungen ändern sich. Links funktionieren nicht mehr. Zahlen sind veraltet. Ansprechpartner wechseln. Aus einem aktuellen Praxisbeispiel wird irgendwann ein historisches Dokument.

Und auch unsere Vorstellungen davon, wie Menschen gut lernen, entwickeln sich weiter.

Trotzdem gibt es in vielen Organisationen für die Entwicklung eines E-Learnings ein Projekt und ein Budget – für seine kontinuierliche Pflege aber kaum einen geregelten Prozess.

Das ist ein bisschen so, als würde man einen Baum pflanzen, ein Schild danebenstellen und anschließend davon ausgehen, dass die Sache erledigt ist. Ist sie nicht.

E-Learning braucht einen Lebenszyklus

Wir sollten E-Learnings viel stärker als „lebende Systeme“ betrachten. Nach dem Rollout beginnt nicht das Ende des Projekts, sondern eine neue Phase.

Sind die Inhalte noch aktuell? Funktionieren alle Verlinkungen? Passen Beispiele und Szenarien noch zur Arbeitsrealität? Wo brechen Lernende ab? Welche Rückmeldungen gibt es? Haben sich die Anforderungen der Zielgruppe verändert? Gibt es inzwischen bessere Möglichkeiten, bestimmte Inhalte zu vermitteln?

Pflege bedeutet dabei nicht, jedes Lernangebot ständig komplett neu zu entwickeln.

Manchmal genügt eine kleine Aktualisierung. Manchmal muss ein Beispiel ausgetauscht werden. Manchmal zeigt sich aber auch, dass ein fünf Jahre altes E-Learning nicht noch einmal kosmetisch überarbeitet, sondern grundsätzlich neu gedacht werden sollte.

Entscheidend ist zunächst etwas anderes:

Jemand muss sich verantwortlich fühlen.

Für einen jungen Baum ebenso wie für ein Lernangebot.

Zwei Fundstücke dieser Etappe

Zwei Fundstücke einer Etappe

Damit hat mir die zweite Etappe von Next Generation Learning on Tour zwei Gedanken mitgegeben, die zunächst wenig miteinander zu tun haben.

  • Ein Frühstücksbuffet hat mich daran erinnert, dass Wissen Erfahrung nicht ersetzen kann.
  • Ein vertrockneter Baum hat mich daran erinnert, dass ein guter Anfang kontinuierliche Pflege nicht ersetzen kann.

Beides gehört für mich zu Next Generation Learning.

Wir sollten Lernangebote entwickeln, in denen Menschen nicht nur Informationen aufnehmen, sondern möglichst viel selbst erleben, entscheiden und ausprobieren können. Und wir sollten aufhören, E-Learnings nach dem Upload als abgeschlossen zu betrachten.

Lernen braucht Erfahrung.
Und gutes E-Learning braucht Pflege.

Manchmal findet man die interessantesten didaktischen Gedanken eben nicht am Schreibtisch.

Sondern beim Frühstück – oder nach vielen Kilometern Gegenwind neben einem vertrockneten Baum.

Learning on Tour Etappe 2 – Streckenkarte

No responses yet

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert