75 Kilometer, 138 Höhenmeter einige Hindernisse und die erste Erkenntnis

Von Bornheim-Roisdorf nach Kaarst

Heute ging sie endlich los, meine Learning on Tour, die ich auch Irland-Frankreich-Challenge nenne. Denn eine Herausforderung wird es werden.

Morgens um 6 Uhr startete ich zur ersten Etappe. 75 Kilometer lagen vor mir.

Das bedeutete: viele Ortschaften, zeitweise eine Bundesstraße neben mir und nicht unbedingt die spektakulärsten Landschaften.

Kurz nach 12 Uhr war ich am Ziel.

Normalerweise würde ich bei einer Fahrradtour versuchen, möglichst schöne und interessante Strecken zu finden. Heute galt allerdings eine andere Priorität: möglichst früh ankommen. Für den Nachmittag waren hohe Temperaturen angekündigt. Also wählte ich eine relativ kurze und direkte Strecke.

Mission für den ersten Tag erfüllt.

Ein Radweg mit Vergangenheit

Unterwegs zeigte sich allerdings schnell, dass „kürzeste Strecke“ nicht automatisch „einfachste Strecke“ bedeutet. Einige Radwege hatten schon deutlich bessere Zeiten erlebt. Risse, Flicken, Unebenheiten und Schlaglöcher sorgten dafür, dass Fahrrad und Anhänger gelegentlich kräftig durchgeschüttelt wurden.

Eigentlich nichts Besonderes auf einer Fahrradtour.

Und trotzdem musste ich irgendwann an das Thema Lernen denken.

Denn auch Lernwege können hervorragend geplant aussehen – solange man sie nur auf dem Papier betrachtet. Erst wenn jemand tatsächlich darauf unterwegs ist, zeigt sich, ob sie funktionieren.

Vielleicht ist das bereits eine erste kleine Erkenntnis dieser Tour:

Ein Lernweg muss sich aus der Perspektive derjenigen bewähren, die ihn benutzen – nicht aus der Perspektive derjenigen, die ihn gebaut haben.

Die Umlaufsperre

Noch deutlicher wurde dieser Gedanke einige Kilometer später.

Umlaufsperren gehören zu jenen Dingen, die ich als Radfahrer nicht besonders liebe. Mit einem normalen Fahrrad kommt man meistens irgendwie hindurch. Mit einem Fahrradanhänger sieht das schon anders aus.

Bremsen. Schauen. Rangieren. Ausprobieren.

Und sich irgendwann fragen, warum ein Radweg eigentlich so gestaltet wird, dass ein Teil der Radfahrer Schwierigkeiten hat, ihn zu benutzen. Die Absicht hinter einer solchen Sperre mag durchaus sinnvoll sein. Vielleicht soll sie verhindern, dass unerwünschte Fahrzeuge den Weg nutzen. Vielleicht soll verhindert werden, dass man mit zu großer Geschwindigkeit eine unsichere Stelle passiert.

Nur: Eine gut gemeinte Lösung wird für andere zum Hindernis.

Spätestens jetzt war ich gedanklich endgültig bei meinem eigentlichen Thema angekommen.

Wie viele Umlaufsperren bauen wir in Lernwege?

Auch beim E-Learning entwickeln wir Funktionen und Abläufe mit guten Absichten.

Wir bauen Menüs ein, damit Lernende Orientierung bekommen.

  • Wir geben Lernwege vor, damit nichts Wichtiges ausgelassen wird.
  • Wir bauen Interaktionen ein, damit ein E-Learning abwechslungsreicher wird.
  • Wir verlangen Klicks, bevor es weitergeht.
  • Wir setzen Tests ein, um Lernerfolg zu überprüfen.

Für jedes einzelne Element gibt es vermutlich eine Begründung. Aber vielleicht stellen wir zu selten eine andere Frage:

Hilft es dem Menschen wirklich beim Lernen – oder steht es ihm lediglich im Weg?

Eine Interaktion ist noch keine gute Interaktion, nur weil man etwas anklicken kann. Ein vorgegebener Lernpfad ist nicht automatisch hilfreich, nur weil wir ihn didaktisch geplant haben. Und ein Menü schafft nicht automatisch Orientierung, nur weil es Menü heißt.

Manchmal bauen wir möglicherweise unsere eigenen digitalen Umlaufsperren.

Auf dem Rheindamm

Wie anders fühlte sich dagegen ein Abschnitt auf einem Rheindamm an. Ein langer Weg lag vor mir. Kaum Hindernisse. Viel Platz. Weiter Blick. Ich musste nicht ständig überlegen, wie ich um das nächste Hindernis herumkomme. Ich konnte einfach fahren.

Auch das ist für mich ein interessantes Bild für Learning Design.

Ein guter Lernweg muss keineswegs immer bequem sein. Im Gegenteil: Lernen darf herausfordern. Menschen sollen nachdenken, ausprobieren, Fehler machen, Entscheidungen treffen, Probleme lösen und gelegentlich auch an ihre Grenzen kommen.

Aber diese Schwierigkeiten sollten Teil der Lernaufgabe sein. Sie sollten nicht dadurch entstehen, dass Bedienung, Navigation oder Gestaltung unnötig kompliziert sind.

Die Herausforderung sollte im Lernen liegen – nicht im Lernweg.

Eine Landschaft verändert sich

Noch eine andere Beobachtung blieb von dieser ersten Etappe hängen. Ich fuhr durch Gebiete, die vor zwei Jahren bei meiner letzten großen Tour noch überschwemmt waren. Heute waren die gleichen Flächen ausgetrocknet. Dazu ein Weg bei Neuss, auf dem mitten im August bereits eine beinahe herbstliche Stimmung herrschte.

Landschaften verändern sich. Rahmenbedingungen verändern sich. Und vielleicht passt auch das zu meinem Learning-Experiment.

Denn Next Generation Learning bedeutet für mich nicht, eine neue Methode zu erfinden und anschließend zu behaupten: So funktioniert Lernen ab jetzt.

Viele grundlegende Erkenntnisse über gutes Lernen sind überhaupt nicht neu.

Aber die Umgebung, in der Lernen stattfindet, verändert sich. KI verändert unsere Möglichkeiten. Technologien verändern sich. Arbeitswelten verändern sich. Menschen erwarten andere Formen des Zugangs zu Wissen und Lernen.

Deshalb müssen wir immer wieder überprüfen, welche unserer bisherigen Wege noch funktionieren. Und welche vielleicht inzwischen voller Schlaglöcher sind.

Das Learning Lab ist on Tour

Als ich heute Morgen losfuhr, wusste ich noch nicht, ob die erste Etappe überhaupt etwas liefern würde, über das es sich zu schreiben lohnt. Jetzt, 75 Kilometer später, habe ich schlechte Radwege gesehen, vor Umlaufsperren gestanden, bin über einen wunderbaren Rheindamm gefahren und habe Landschaften erlebt, die sich verändert haben.

Keine spektakulären Ereignisse. Aber das ist die Idee von Learning on Tour: Nicht mit fertigen Antworten durch Europa zu fahren. Sondern hinzusehen. Beobachtungen zu sammeln. Verbindungen herzustellen.

Und aus dem, was unterwegs passiert, neue Fragen über Lernen entstehen zu lassen.

Die erste davon nehme ich von dieser Etappe mit:

Welche Umlaufsperren stehen eigentlich auf unseren heutigen Lernwegen –
und welche davon können wir endlich abbauen?

Learning on Tour Etappe 1 – Streckenkarte

2 Responses

  1. Lieber Konrad,

    ich teile Deine Erfahrung. Umlaufsperren sind beim Radfahren manchmal einfach nur nervig. Mal kommt man einigermaßen durch, mal muss man anhalten, absteigen, ein paar Schritte zurückgehen oder sogar einen anderen Weg wählen. Für einen Perspektivwechsel kann das durchaus hilfreich sein.

    Aber wie ist das bei E-Learnings? Dort sind die „Umlaufsperren“ nicht so offensichtlich zu erkennen. Wie finde ich sie? Mit welchen Fragen kann ich mich auf die Suche machen? Welche Kriterien helfen mir dabei, sie aufzuspüren?

    Ich wünsche Dir eine gute Weiterreise, freue mich auf Deine weiteren Inputs und natürlich auch auf die tollen Bilder.

    Herzliche Grüße, Sylvia

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