NGEL-GEDANKE #006

Praxisbeispiel zur Zielgruppenanalyse

Im NGEL-Gedanken #3 auf dieser Website habe ich die „Zielgruppenanalyse bei heterogenen Zielgruppen“ beschrieben. Nun möchte ich dies auf die beiden geplanten Learning Nuggets mit den Leit- und Richtzielen im NGEL-Gedanken #4 anwenden und damit ein Praxisbeispiel für derartige Zielgruppen zur Verfügung stellen.

Wichtig:

Das didaktische Modell zur Konzeption von Weiterbildung allgemein und von
E-Learning im Speziellen ist ein linearer Prozess:

Auftragsklärung –> Rahmenbedingungen –> Zielgruppenanalyse –>
Lernziele –> Lerninhalte –> …

Anhand dieser Zielgruppenanalyse wirst du sehen, dass sich diese Schritte in der Praxis nicht so streng getrennt durchführen lassen, sondern sich vermischen.

Steigen wir ein.

Zielgruppenanalyse für die geplanten Learning Nuggets „EU und die Rolle von Entscheidungen“ (Arbeitstitel)

1. Ausgangslage

Die Learning Nuggets richten sich nicht an eine klar abgegrenzte berufliche Zielgruppe, sondern an eine sehr heterogene Öffentlichkeit.

Die potenziellen Lernenden unterscheiden sich unter anderem hinsichtlich:

  • ihres Alters,
  • ihrer Herkunft,
  • ihrer persönlichen Erfahrungen mit Europa,
  • ihres Wissens über die Europäische Union,
  • ihrer politischen Einstellungen,
  • ihrer Mediennutzung,
  • ihrer Bereitschaft, sich mit politischen Fragestellungen auseinanderzusetzen,
  • ihrer persönlichen Betroffenheit durch europäische Entscheidungen.

Diese Heterogenität betrifft nicht nur das Vorwissen, sondern auch die Interpretation der Inhalte. Während einige Lernende die EU als selbstverständlichen Teil ihres Alltags erleben, verbinden andere mit ihr vor allem abstrakte Institutionen, politische Konflikte oder persönliche Enttäuschungen.

Für die Konzeption bedeutet dies, dass das Learning Nugget kein gemeinsames Vorwissen und keine gemeinsame Haltung voraussetzen darf.

2. Zielgruppenmerkmale und didaktische Konsequenzen

Normalerweise sucht man bei der Zielgruppenanalyse Merkmale, die die Zielgruppe gemeinsam hat. Hier gehen wir einen anderen Weg: Welche für das E-Learning (evenuell) bedeutsamen Unterschiede prägen die Zielgruppe?

Zielgruppenmerkmal

Unterschiedliches Vorwissen über die EU


Unterschiedliche politische Einstellungen

Unterschiedliche persönliche Betroffenheit


Unterschiedliche Medien- und Lerngewohnheiten

Unterschiedliche Bereitschaft zur Reflexion

Unterschiedliche nationale Perspektiven


Unterschiedliche Erfahrung mit politischen Entscheidungen



Didaktische Konsequenzen

Keine institutionellen Kenntnisse voraussetzen; Begriffe kurz und verständlich erklären

Neutral formulieren; keine Bewertung von „richtig“ oder „falsch“

Mit einer menschlichen Alltagssituation einsteigen, nicht mit Institutionen

Kurzes, klar strukturiertes Nugget mit wenigen, gezielten Interaktionen

Neugier wecken statt belehren; offene Fragen stellen

Mehrere Perspektiven sichtbar machen, ohne alle abbilden zu wollen

Entscheidungssituation nachvollziehbar und konkret gestalten

3. Gemeinsamer Lernbedarf

Trotz der großen Heterogenität lässt sich ein gemeinsamer Lernbedarf formulieren.

Es geht nicht darum, detailliertes Wissen über die Institutionen der Europäischen Union aufzubauen (siehe Leit- und Richtziele).

Der gemeinsame Lernbedarf besteht vielmehr darin, zu erkennen, dass:

  • Entscheidungen häufig auf unvollständigem Wissen beruhen,
  • Menschen Entscheidungen aus unterschiedlichen Motiven treffen,
  • die Folgen einer Entscheidung nicht immer vollständig vorhersehbar sind,
  • Lernen auch bedeutet, die eigenen Annahmen im Rückblick zu überprüfen.
  • Die EU ist das „Spielfeld, um diese Lernziele zu erreichen“. Damit liegt der Schwerpunkt weniger auf EU-Wissen als auf Urteilsbildung und Reflexion.


4. Gemeinsamer Lernziele

Auch wenn die Lernziele, wie oben erwähnt, im didaktischen Model erst im nächsten didaktischen Schritt festgelegt werden, macht es Sinn, bereits hier die Gemeinsamkeit in den vermutlichen Lernzielen der Zielgruppe zumindest grob zu fixieren Nach den Learning Nuggets sollen die Lernenden:

  • verstehen, dass politische und gesellschaftliche Entscheidungen häufig unter Unsicherheit getroffen werden,
  • erkennen, dass unterschiedliche Menschen mit denselben Informationen zu unterschiedlichen Entscheidungen kommen können,
  • reflektieren, welche Informationen, Erfahrungen und Annahmen die eigene Entscheidungsfindung beeinflussen,
  • übertragen, dass diese Mechanismen nicht nur für politische Entscheidungen, sondern auch für Entscheidungen im Berufs- und Alltagsleben gelten.

Diese Lernziele können im didaktischen Model auch als Groblernziele angesehen werden. 


5. Didaktische Leitidee

Für diese heterogene Zielgruppe wäre ein klassischer Einstieg wie

„Die Europäische Union wurde 1993 gegründet …“

didaktisch wenig geeignet. Stattdessen sollte das Nugget mit einer konkreten menschlichen Erfahrung beginnen.

Beispiel:

Beim Frühstück in Irland erzählten mir zwei Iren von Freunden in Großbritannien. Viele von ihnen hatten beim Brexit für den Austritt aus der EU gestimmt. Nach der Entscheidung, so erzählten sie, hätten einige von ihnen zunächst einmal im Internet gesucht, was die Europäische Union eigentlich ist.

Diese Geschichte ist didaktisch stark, weil sie nicht sofort bewertet. Sie erzeugt vielmehr eine Irritation: Wie kann man über etwas entscheiden, das man vielleicht gar nicht vollständig verstanden hat?

Damit ist die Lernfrage eröffnet.

Bemerkung:

Dieses Beispiel stamme aus meiner Learning-on-Tour. Hier erkennst du eine Grundeigenschaft von E-Learning-Autorinnen und -Autoren bzw. Instructional Designer: Sie müssen mit offenen Augen die Welt beobachten und überlegen, wie sie ihre Erlebnisse und Erfahrungen in Lernerlebnisse und Lernerfahrungen integrieren können. Das ist etwas, das die KI nicht kann. Sie kann sich nicht am Frühstückstisch mit zufälligen Begegnungen unterhalten.

6. Idee der Aufteilung in zwei Learning Nuggets

Learning Nugget 1

„Eine Entscheidung – und was wir darüber wissen“

Zentrale Frage:
Wie treffen Menschen Entscheidungen, wenn ihr Wissen unvollständig ist?

Ziel: 
Die Lernenden erkennen, dass Entscheidungen selten ausschließlich auf Fakten beruhen.

Inhaltlicher Bogen:

  1. Die Frühstücksgeschichte aus Irland.
  2. Die Frage: „Wie würdest Du entscheiden?“
  3. Kurze Reflexion:
  • Welche Informationen hatte ich?
  • Welche Erfahrungen?
  • Welche Erwartungen?

Erkenntnis:
Menschen entscheiden mit einer Mischung aus Wissen, Erfahrung, Vertrauen und Annahmen.

Transfer:
Das gilt nicht nur für politische Entscheidungen.

Didaktische Schwerpunkte

  • Neugier
  • Irritation
  • Selbstreflexion
  • keine politische Bewertung

Learning Nugget 2

„Was passiert nach einer Entscheidung?“

Zentrale Frage:
Was lernen wir, wenn die Folgen einer Entscheidung sichtbar werden?

Ziel:
Die Lernenden erkennen, dass Lernen nicht mit der Entscheidung endet.

Inhaltlicher Bogen

  1. Menschen erleben die Folgen einer Entscheidung.
  2. Erwartungen treffen auf Realität.
  3. Neue Erfahrungen verändern möglicherweise die ursprüngliche Einschätzung.
  4. Lernen bedeutet:
  • Annahmen überprüfen,
  • Konsequenzen wahrnehmen,
  • das eigene Urteil weiterentwickeln.

Transfer auf berufliche Entscheidungen.

Mögliche Schlussfrage

Wann hast du zuletzt eine Entscheidung im Rückblick anders beurteilt – nicht weil du „falsch“ entschieden hattest, sondern weil du inzwischen mehr Erfahrungen hattest?

7. Umgang mit der Heterogenität

Die Unterschiede in der Zielgruppe wird nicht durch verschiedene Lernpfade abgebildet. Das Nugget bleibt für alle gleich.

Die Differenzierung erfolgt durch die Offenheit der Reflexion.

Unterschied

Viel EU-Wissen

Wenig EU-Wissen

EU-befürwortend

EU-kritisch

Politisch interessiert

Weniger interessiert


Umgang im Nugget

Lernende können zusätzliche Zusammenhänge herstellen

Die Geschichte bleibt auch ohne Vorwissen verständlich

Eigene Perspektive reflektieren

Eigene Perspektive reflektieren

Politische Dimension vertiefen

Allgemeine Entscheidungsmechanismen auf den Alltag übertragen

Damit entsteht ein gemeinsamer Lernraum, in dem unterschiedliche Ausgangspunkte zu unterschiedlichen, aber gleichwertigen Reflexionen führen können.


8. Didaktische Konsequenz für die Gestaltung

Aus der Heterogenität ergeben sich für die beiden Nuggets folgende Gestaltungsprinzipien

  • Keine Belehrung, sondern eine Geschichte als Einstieg.
  • Keine Wissensabfrage, sondern eine persönliche Entscheidungsfrage.
  • Keine Bewertung politischer Positionen, sondern Reflexion von Entscheidungsprozessen.
  • Keine lange Erklärung der EU, sondern nur so viel Kontext wie für die Geschichte notwendig.
  • Ein klarer Transfer von einer konkreten europäischen Erfahrung auf allgemeine Mechanismen menschlicher Entscheidungsfindung.


Kurzfassung für das Konzept

Die Zielgruppe der Learning Nuggets ist hinsichtlich Vorwissen, Erfahrungen und Einstellungen zur Europäischen Union stark heterogen. Daher wird kein gemeinsames fachliches Vorwissen vorausgesetzt und keine bestimmte politische Haltung adressiert. Stattdessen wird eine konkrete persönliche Begegnung als gemeinsamer Einstieg genutzt.

Die Lernenden setzen sich aus ihrer jeweiligen Perspektive mit der Frage auseinander, wie Entscheidungen unter unvollständigem Wissen entstehen und wie sich Urteile durch neue Erfahrungen verändern können. Die Differenzierung erfolgt nicht über unterschiedliche Lernpfade, sondern über offene Reflexionsfragen, die individuelle Erfahrungen und Perspektiven einbeziehen.

Damit entsteht ein gemeinsamer Lernraum, in dem unterschiedliche Ausgangspunkte zu unterschiedlichen, aber gleichwertigen Reflexionen führen können.