NGEL-GEDANKE #004

Next Generation (E-) Learning

Seit Wochen begleitet mich auf meiner Learning on Tour eine Frage: Wie wird Lernen in Zukunft aussehen – und was muss sich dafür verändern?

Unterwegs habe ich dazu nicht nur nachgedacht. Ich habe beobachtet, ausprobiert, Menschen getroffen, Überraschungen erlebt, Pläne geändert – und dabei selbst immer wieder gelernt.

Genau diese Erfahrungen haben meinen Blick auf Next Generation Learning (NGL) und Next Generation E-Learning (NGEL) geschärft. Aus Begriffen und ersten Ideen ist nach und nach ein konkreteres Bild entstanden.

Was macht NGEL anders als klassisches E-Learning? Was bedeutet das für die Gestaltung von Lernerfahrungen? Und welche Rolle spielen dabei Learning Designer und KI?

Zeit, etwas genauer hinzuschauen. Klären wir zunächst drei Kernfragen:

  1. Was genau ist NGL – und was ist NGEL?
  2. Was unterscheidet NGEL vom klassischen E-Learning?
  3. Welche Rolle haben E-Learning-Autor und Learning Designer und welche Rolle übernimmt die KI?

Drei Kernfragen

Frage 1: Was genau ist NGL – und was ist NGEL?

Next Generation Learning (NGL) bezeichnet einen Lernansatz, der Lernen konsequent von der Lernwirkung und der realen Handlungssituation her denkt – nicht vom Format, vom Tool oder vom zu vermittelnden Content.

Die zentrale Frage lautet nicht mehr: „Wie vermitteln wir diesen Inhalt?“

sondern:

„Was sollen Menschen nach dem Lernen besser verstehen, entscheiden oder tun können – und welche Lernerfahrungen brauchen sie dafür?“

NGL kann deshalb Präsenzlernen, E-Learning, Lernen am Arbeitsplatz, soziale Lernformen, Coaching, KI-Unterstützung, Simulationen oder informelles Lernen miteinander verbinden. Entscheidend ist nicht das Medium, sondern dessen Beitrag zum Lernprozess.

NGEL ist die konsequente Übertragung dieses Ansatzes auf digitales Lernen.

NGEL versteht E-Learning nicht primär als digitale Vermittlung von Informationen, sondern als gestaltete Lernerfahrung, in der Lernende beispielsweise

  • entdecken und erkunden,
  • Entscheidungen treffen,
  • ausprobieren,
  • Fehler machen und Feedback erhalten,
  • unterschiedliche Wege einschlagen,
  • vorhandenes Wissen aktivieren,
  • Wissen auf Situationen übertragen,
  • reflektieren und
  • Unterstützung durch KI erhalten können.

Next Generation E-Learning gestaltet digitale Lernräume, in denen Menschen nicht nur Wissen aufnehmen, sondern aktiv denken, entscheiden, ausprobieren, reflektieren und handeln – mit dem Ziel, Lernen wirksam in die Praxis zu übertragen.


Frage 2: Was unterscheidet NGEL vom klassischen E-Learning?

Zunächst einmal: klassisches E-Learning ist nicht grundsätzlich schlecht. Auch ein gutes klassisches WBT kann hervorragend gestaltet und wirksam sein.

Der Unterschied liegt eher im Schwerpunkt.

Klassisches E-Learning

  1. Content vermitteln
  2. „Was müssen Lernende wissen?“
  3. Inhalte strukturieren
  4. häufig linear

  5. Information → Übung → Test

  6. richtige Antworten
  7. Feedback bestätigt

  8. Lernende als Rezipienten
  9. Interaktion als Bedienelement
  10. Abschluss des WBTs
  11. Standardisierung
  12. LMS als Auslieferungsort
  13. KI als Contentgenerator

  14. Erfolg: abgeschlossen/bestanden


Next Generation E-Learning

  1. Lernerfahrungen gestalten
  2. „Was sollen Lernende können?“
  3. Lernhandlungen orchestrieren
  4. adaptiv, explorativ oder situationsbezogen
  5. Situation → Handlung → Konsequenz → Reflexion
  6. begründete Entscheidungen
  7. Feedback erklärt, hinterfragt und unterstützt
  8. Lernende als Handelnde
  9. Interaktion als kognitive Aktivität
  10. Transfer in die Praxis
  11. sinnvolle Personalisierung
  12. digitales Lernökosystem
  13. KI als Lern-, Entwicklungs- und Designpartner
  14. Erfolg: verstanden, angewendet, verändert

NGEL beginnt nicht dort, wo E-Learning technisch moderner wird. NGEL beginnt dort, wo Lernende mehr tun müssen als klicken, lesen, zuhören und Fragen beantworten.

Frage 3: Welche Rolle haben E-Learning-Autor und Learning Designer und welche Rolle übernimmt die KI? 

Das Berufsbild des klassichen E-Learning-Autors bzw. der klassischen E-Learning-Autorin verändert sich sehr stark. Der klassische E-Learning-Autor beschäftigt sich vor allem mit Fragen wie:

  • „Welche Inhalte müssen hinein?“
  • „Wie strukturiere ich sie?“
  • „Welche Interaktion verwende ich?“
  • „Welcher Sprechertext passt dazu?“
  • „Wie setze ich das im Autorentool um?“

Diese Kompetenzen verschwinden nicht. Aber sie reichen nicht mehr.

Der E-Learning-Autor oder der Learning Designer im NGEL wird stärker zum Architekten von Lernerfahrungen .

Er fragt:

Welche Erfahrung muss ein Mensch machen, damit sich sein Denken oder Handeln verändert?

Daraus entstehen neue beziehungsweise stärker gewichtete Aufgaben:

  • Zielgruppen und deren Kontext verstehen
  • reale Handlungssituationen analysieren
  • Lernprobleme identifizieren
  • Szenarien und Entscheidungssituationen entwickeln
  • Lernwege gestalten
  • geeignete Medien auswählen
  • Reflexion ermöglichen
  • Transfer vorbereiten
  • Lernwirkung überprüfen.

Damit wird auch die didaktische Kompetenz der E-Learning-Autorin des E-Learning-Autors oder des Learning Designers wichtiger – nicht weniger.

Und welche Rolle übernimmt KI?

Hier sollte eine klare Grenze gezogen werden:

KI kann sehr viel produzieren. Aber sie sollte nicht bestimmen, was Lernen sein soll.

KI kann den Learning Designer beispielsweise bei Zielgruppenanalysen unterstützen, Inhalte strukturieren, Varianten entwickeln, Szenarien entwerfen, Fragen generieren, Feedback formulieren, Texte vereinfachen, Bilder und Videos erzeugen, Lernwege personalisieren oder als Tutor beziehungsweise Sparringspartner innerhalb eines Lernangebots agieren.

Der Mensch bleibt verantwortlich für Lernziel, didaktische Architektur, Kontext, Relevanz, Angemessenheit und letztlich die Lernwirkung.

Daraus lässt sich eine einfache Arbeitsteilung formulieren:

  • KI beschleunigt die Produktion.
  • Learning Designer gestalten die Erfahrung.
  • Lernende erzeugen daraus Lernen.


Weitere Fragen

Diese drei Fragen sind zentral. Aber es gibt noch weiter Fragen, die beantwortet werden müssen. Sieh dir fünf weitere Fragen an, die das obige abrunden.

Frage 4: Warum brauchen wir NGEL überhaupt?
Weil Wissen jederzeit verfügbar ist und KI Informationen immer schneller bereitstellt. Der Wert professionellen Lernens verschiebt sich deshalb von der reinen Informationsvermittlung hin zu Orientierung, Urteilskraft, Anwendung, Erfahrung und Transfer.

Frage 5: Welche Rolle spielen Erfahrung und reale Welt?
Das ist durch Learning on Tour inzwischen ein wichtiger Bestandteil meines Denkens geworden. Lernen entsteht nicht ausschließlich durch Content. Menschen lernen durch Begegnungen, Beobachtungen, Irritationen, Entscheidungen, Fehler und Konsequenzen. NGEL muss versuchen, Elemente solcher Erfahrungen in digitale Lernräume zu übersetzen – und gleichzeitig erkennen, wann digitales Lernen dafür nicht ausreicht.

Frage 6: Wann ist NGEL überhaupt die richtige Lösung?
Das halte ich für ausgesprochen wichtig. NGEL darf nicht bedeuten: „Jetzt machen wir alles als besonders tolles E-Learning.“ Manchmal reicht ein PDF. Manchmal ein Video. Manchmal braucht es ein WBT. Und manchmal braucht es Training, Coaching, Zusammenarbeit oder reale Erfahrung. Next Generation Learning entscheidet zuerst über die Lernarchitektur – und erst danach über das Medium.

Frage 7: Wie verändert sich die Rolle der Lernenden?
Vom Konsumenten zum Akteur. Lernende übernehmen mehr Verantwortung, treffen Entscheidungen, wählen Wege, nutzen KI, reflektieren Erfahrungen und bringen eigenes Wissen ein. Autonomie wird damit zu einem zentralen Gestaltungsprinzip.

Frage 8: Woran erkennen wir eigentlich gutes NGEL?
Hier kommen zehn Dimensionen ins Spiel: Erlebnisqualität, Wirksamkeit, narrative Tiefe, technologische Eleganz, Autonomie, Personalisierung, Transfer-Architektur, Micro-Flow, Social Layer und Messbarkeit. Sie machen aus einer abstrakten Idee ein beurteilbares Gestaltungsmodell.