Field Notes #4
Erst entscheiden, dann verstehen?
Manchmal entstehen die interessantesten Lernerfahrungen dort, wo man sie nicht geplant hat.
Gestern Morgen saß ich beim Frühstück mit vier Engländern zusammen. Wir kamen ins Gespräch – über meine Fahrradtour, über England und Schottland, über Deutschland und irgendwann auch über den Brexit.
Alle vier hatten 2016 für den Brexit gestimmt.
Warum?
Sie hatten den Versprechungen von Boris Johnson und Nigel Farage geglaubt, erzählten sie. Vor allem aber sagten sie etwas, das mich aufhorchen ließ:
Eigentlich hätten sie damals kaum gewusst, was die Europäische Union überhaupt ist und welchen Nutzen die Mitgliedschaft Großbritannien bringt.
Heute, zehn Jahre später, sei das anders. Heute wüssten sie wesentlich mehr über die EU, über wirtschaftliche Zusammenhänge und darüber, welche Konsequenzen der Austritt tatsächlich habe. Keiner der vier würde noch einmal für den Brexit stimmen.
Einer brachte seine heutige Einschätzung ziemlich drastisch auf den Punkt:
„Brexit was a Bexit: Bullshit Exit.“
Natürlich sind vier Menschen beim Frühstück keine repräsentative Befragung. Und selbstverständlich kann man die EU kritisieren. Man kann über Bürokratie, Regulierung, nationale Souveränität, Kosten oder die richtige Verteilung von Kompetenzen diskutieren.
Aber genau das ist der Punkt:
Um etwas fundiert kritisieren zu können, muss ich zunächst verstehen, worüber ich eigentlich urteile.
Das Gespräch erinnerte mich deshalb weniger an eine politische Debatte als an eine zentrale Aufgabe von Lernen.
Wir leben in einer Welt, in der wir ständig Entscheidungen treffen müssen. Beruflich, gesellschaftlich und politisch. Gleichzeitig werden die Sachverhalte komplexer. Einfache Antworten treffen auf komplizierte Zusammenhänge.
Und dann passiert etwas Gefährliches:
Wir entscheiden, bevor wir verstanden haben.
Gutes Lernen muß deshalb mehr leisten als Wissen bereitzustellen.
Es muß
- Zusammenhänge sichtbar machen
- unterschiedliche Perspektiven eröffnen
- Konsequenzen von Entscheidungen erfahrbar machen
- Widersprüche zulassen
- zum Nachdenken anregen.
Und vor allem müsste es Menschen dabei unterstützen, sich ein eigenes, begründetes Urteil zu bilden. Deshalb ist die spannendste Frage bei Themen wie Brexit gar nicht:
„Bist Du dafür oder dagegen?“
Sondern:
„Weißt Du genug darüber, um diese Entscheidung treffen zu können?“
Interessanterweise hatten wir vor längerer Zeit schon einmal über die Idee nachgedacht, die Europäische Union zum Gegenstand eines E-Learnings zu machen. Aus Zeitgründen haben wir das Projekt damals nicht weiterverfolgt.
Nach diesem Frühstück denke ich wieder darüber nach.
Allerdings würde ich heute vermutlich keinen klassischen Kurs mehr entwickeln, der erklärt, wie die EU funktioniert.
Mich reizt eine andere Idee:
Was wäre, wenn wir die EU für einen Moment ausschalten könnten?
Was würde sich in unserem ganz normalen Alltag verändern?
Beim Reisen. Beim Arbeiten. Beim Einkaufen. Beim Studieren. Für Unternehmen. Für Verbraucher. Für Arbeitnehmer.
Nicht erklären, warum die EU gut oder schlecht ist.
Sondern Situationen schaffen, in denen Lernende selbst entdecken, was Europa mit ihrem eigenen Leben zu tun hat – und anschließend ihr eigenes Urteil bilden.
Vielleicht wird daraus ein kleines Learning-on-Tour-Experiment.
Die vier Engländer beim Frühstück haben jedenfalls einen ziemlich guten Anstoß dafür gegeben.
Beobachten
Entscheidungen würden oft anders ausfallen, wenn die Menschen besser verstehen würden, worüber sie entscheiden. Gute E-Learnings können helfen, dieses Verständnis zu schaffen.
Weiterdenken
Gute Bildung sagt Menschen nicht, was sie entscheiden sollen.
Sie befähigt sie, zu verstehen, worüber sie entscheiden.